Downshifting: Im Job bewusst kürzertreten

Kürzertreten im Job

Höher, schneller, besser und weiter! Viele wollen die Karriereleiter, so rasch es geht, aufsteigen. Es gibt natürlich Menschen, die einfach die geborenen Karrieretypen sind. Für andere stehen Privatleben und persönliche Selbstverwirklichung an oberster Stelle. Dennoch quälen sich zahlreiche Arbeitnehmer:innen durch ihre 40 Stunden-Woche und ordnen ihre Wünsche dem Arbeitsleben unter. Dies endet bestenfalls an der Spitze der Karriereleiter oder schlimmstenfalls im Burnout.

Du beobachtest die Trends auf dem Arbeitsmarkt aufmerksam? Dann ist Dir bestimmt schon aufgefallen, dass sich die Berufstätigen immer mehr in zwei größere Gruppen aufteilen lassen:

  • Einerseits gibt es die Fans der großen Karriere, die viel Wert auf materiellen Wohlstand legen und diesen auch gerne nach außen zeigen möchten.
  • Auf der anderen Seite stehen diejenigen, für die Karriere nicht alles ist und die immaterielle Werte zu schätzen wissen.

Es gibt durchaus Personen, die sich ganz bewusst für eine gewisse Phase aus dem Arbeitsstress herausnehmen – beispielsweise für eine Weltreise oder ein Sabbatical (Sabbatjahr) – bevor sie dann wieder 120 % am Arbeitsplatz geben.

Beim Downshifting geht es dagegen darum, beruflich kürzerzutreten und die Arbeitszeit langfristig zu reduzieren. Das Ziel dabei ist es, ein selbstbestimmteres Leben zu führen und mehr Raum für anderes zu schaffen. Das sind meistens Dinge, die abseits vom Konsum und dem mit finanziellem Wohlstand verbundenen Hamsterrad liegen. Diese Lebenseinstellung ist besonders in der Generation Y (Personen mit Geburtsdatum zwischen etwa 1980 und 1995) weit verbreitet. Aber natürlich begeistern sich auch Leute anderer Altersgruppen, aus vielfältigen Gründen, für diese Idee.

Was begünstigt den Wunsch nach einem Downshifting?

Warum sollte man beruflich kürzertreten? Fragt man viele Downshifter:innen nach ihren ganz individuellen Entscheidungsgrundlagen für diesen Schritt, werden diverse Ursachen genannt. Zu den wichtigsten Gründen zählen diese:

  • gesundheitliche Gründe,
  • eine schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf,
  • zu wenig Zeit für das Ausleben persönlicher Interessen,
  • eine sichere finanzielle Situation, die eine Veränderung bei der Setzung von Prioritäten in der Lebensgestaltung ermöglicht,
  • der Wunsch nach einem mehr im eigenen Sinne gesteuerten Lebens- und Arbeitstempo,
  • die Sehnsucht nach individuelleren Arbeitsinhalten,
  • die Hoffnung, durch eine andere Gewichtung der Work-Life-Balance mehr Zufriedenheit und eine höhere Produktivität zu erlangen und
  • sich umorientieren und mehr Abwechslung genießen zu können.

Was im ersten Moment sehr proaktiv und freiwillig klingt, ist es leider nicht immer. Oftmals wird das Downshifting auch zur Möglichkeit, sich um pflegebedürftige Angehörige zu kümmern oder zur Option, um selbst einem Burnout oder anderen Überlastungsformen zu entkommen.

Außerdem hat sich im Rahmen der repräsentativen „Jobzufriedenheit 2015“ – Studie gezeigt, dass fast die Hälfte (49 %) aller deutschen Arbeitnehmer:innen in ihrem beruflichen Umfeld unzufrieden sind. Ganze 45 % überlegen, den Arbeitsplatz binnen eines Jahres zu wechseln, weil Beruf und Familie oft nicht gut miteinander vereinbar zu sein scheinen. 25 % der Befragten finden, dass die Bezahlung nicht stimme oder die Abwechslung (14 %) beziehungsweise die Anerkennung (13 %) zu gering ausfallen würden.

Lange Rede, kurzer Sinn: Gesucht wird eine Tätigkeit, die sich in den verschiedensten Bereichen als sinnvoll und konstruktiv erweist und eine gesunde Work-Life-Balance zulässt. Falls Du Dich in diesem berechtigten Wunsch ebenfalls wiedererkennst: Willkommen in einer großen Runde!

Downshifting schafft freie Zeit für persönliche Interessen und Anliegen

Für wen ist Downshiftig das Richtige?

Beruflich kürzer treten zu wollen, ist nicht nur etwas für ältere Arbeitnehmer:innen, für die das Tempo der Berufswelt zu schnell geworden ist. Tatsächlich könnten viele von ihnen noch mithalten, aber sie wollen dies in der bisherigen Form nicht mehr. Und das sehen selbst diverse Berufseinsteiger:innen ähnlich. Es liegt also nicht per se an Unterqualifizierung, einem mangelnden Einsatzwillen oder bereits bestehenden gesundheitlichen Problemen, dass das Downshifting interessant wird.

Meist geht es vielmehr darum, sich beruflich in einer individuell geeigneten Form, selbst zu verwirklichen. Dass damit nicht unbedingt der Sprung auf die allerhöchste Karrierestufe verbunden sein dürfte, ist klar. Wenn Du allerdings nicht danach strebst, sondern Dich in anderen persönlichen Projekten, wie beispielsweise in einem Ehrenamt, tiefer engagieren möchtest, warum nicht?

Der Haken an der Sache ist nur der: Viele Chef:innen und Kolleg:innen sind mit einer solchen Herangehensweise noch nicht besonders vertraut. Oft zählen Disziplin, Pünktlichkeit und Verantwortungsbewusstsein zu den erwarteten Grundtugenden. Selbstverständlich immer damit kombiniert, dass jede:r immer das Beste für das Unternehmen will, in dem sie/er arbeitet. Leider ist es noch nicht selbstverständlich, sich selbst mehr in den Fokus zu stellen und damit der Selbstausbeutung, bis hin zur physischen und/oder psychischen Erkrankung, einen Riegel vorzuschieben. Was nicht bedeutet, dass Du auf der Arbeit bestenfalls Dienst nach Vorschrift schiebst. Engagement ist schon richtig und wichtig – nur eben gut dosiert.

Somit musst Du Dir darüber im Klaren sein, dass das Downshifting immer noch ein gewisses Schwimmen gegen den Strom bedeutet. In der Konsequenz werden vielleicht einige Menschen aus Deinem Umfeld skeptisch reagieren, weil ein hoher Lebenskomfort oftmals doch an materiellen Gütern und einem dicken Bankkonto festgemacht wird.

Wenn Du allerdings feststellst, dass Du besonders viel Wert auf persönliche Freiräume legst, ist Downshifting ja vielleicht doch der richtige Weg für Dich.

Frau denkt über Downshifting nach

So lautet die entscheidende Grundsatzfrage

Um herauszufinden, was für Dich wesentlich ist, stehen Dir zwei Fragen zur Verfügung. Überlege einmal, zu welcher Du eher tendierst:

  • „Woran möchte ich mich an meinem Lebensende positiv erinnern?“
  • „Wie viel Geld ermöglicht mir ein entspanntes Leben in 10, 20 oder noch mehr Jahren?“

Bei der ersten Frage geht es weniger um Geld als um Erlebnisse mit anderen Menschen, beispielsweise mit der Familie oder mit Freunden. Im Hinblick auf Nummer zwei musst Du damit rechnen, dass das Erwirtschaften des Geldes viel Raum und Zeit in Anspruch nimmt und sich Wohlgefühl und Genuss erst deutlich später einstellen werden.

Sicherlich kann auch die Karriere erfüllend sein – gerade wenn es um die Anwendung von selbst erworbenem Wissen geht. Nichtsdestotrotz kannst Du Deine gegenwärtige Zeit nur einmal investieren, das muss Dir bewusst sein.

Downshifting braucht Verständnis vom Arbeitgeber

Vor- und Nachteile des Downshiftings

Bevor Du die Leidenschaft für Deine Arbeit völlig verlierst oder Dich total ausgebrannt und erschöpft fühlst, solltest Du Dir unbedingt mal die folgenden Vor- und Nachteile des Downshiftings anschauen. So kannst Du selbst entscheiden, welches Arbeitspensum und welcher Lebensstil am besten zu Dir passt.

Die Vorteile:

  • Produktivität steigt: Wer müde und erschöpft zur Arbeit kommt, kann natürlich keine Höchstleistungen erbringen. Wer weniger arbeitet, hat im Umkehrschluss längere Erholungsphasen, die für mehr Fokus, Zufriedenheit und Motivation sorgen.
  • Erhöhung der Lebensqualität: Wir verbringen einen großen Teil unseres Lebens mit Arbeiten. Nutzen wir unsere wertvolle Zeit, um uns zu entspannen, Spaß zu haben und es uns einfach gutgehen zu lassen, sind wir insgesamt zufriedener und ausgeglichener. Das steigert die Lebensqualität enorm.
  • Bessere Work-Life-Balance: Weniger Arbeitsstunden ermöglichen uns viel mehr Zeit für Familie, Freunde, Hobbies und unser Privatleben. Besonders Familie und Beruf sind dann besser miteinander vereinbar.
  • Gesundheit in den Fokus setzen: Häufig merken wir erst, wie überlastet wir waren, wenn wir endlich mal auf die Bremse drücken und etwas entschleunigen. Weniger Stress und Druck wirken sich dann positiv auf unsere körperliche und geistige Gesundheit aus.

Die Nachteile:

  • Lebensstandard kann sich verringern: Wer seine Arbeitszeit verkürzt, der bekommt auch weniger Gehalt. Dieser Schritt muss mit dem eigenen Lebensstil vereinbar sein. Man kann dadurch viel bewusster leben, es kann aber auch Verzicht bedeuten.
  • Bruch mit gesellschaftlichen Tugenden: Disziplin, Fleiß und Leistung werden in unserer Gesellschaft hoch angesehen. Entscheidest Du Dich für Downshifting, schwimmst Du gegen den Strom und erntest sicher nicht von jedem Anerkennung und Zuspruch. Besonders ältere Generationen, bei denen Downshifting niemals eine Option war, haben für diesen Entschluss eher selten Verständnis.
  • Weniger Karriereoptionen: Reduzierst Du Deine Stundenanzahl, verringern sich Deine Aussichten auf mehr Verantwortung und eine höhere Position. Das sollte Dir bewusst sein.

Wie lässt sich eine Entschleunigung umsetzen?

Eben weil das Downshifting gesellschaftlich und firmenintern noch keine Selbstverständlichkeit ist, gehört oftmals etwas Fingerspitzengefühl dazu, es zu realisieren. Diese Überlegungen und Schritte helfen Dir dabei:

  • Hinterfrage, wie viel Sinn Du in Deiner bestehenden beruflichen Tätigkeit siehst und ob Du an der richtigen Stelle arbeitest.
  • Finde heraus, was Deine persönlichen Wünsche und Ziele sind. Nutze Dein Netzwerk, um eine Position zu finden, die diesen gerecht wird.
  • Suche das offene Gespräch mit Kolleg:innen, vor allem aber auch mit Deinen Vorgesetzten. Kommuniziere nicht nur Deine Bedürfnisse, sondern mache klar, welche Vorteile sich bei einer geschickten Gestaltung für alle ergeben könnten.
  • Bedenke, dass ein erfolgreich umgesetztes Downshifting nicht vom Himmel fällt. Es setzt eine gute Organisation und Vorbereitung voraus. Gleichzeitig braucht es die Unterstützung anderer, Dir dabei zu helfen. Mitunter benötigst Du auch die Bereitschaft, an einen Arbeitsplatz zu wechseln, der Dir dies ermöglicht.

Weniger zu arbeiten, bedeutet weniger Leistungsdruck und Stress, aber auch weniger Geld. Überlege Dir genau, was Deine persönlichen Ziele im Leben sind und was Dich erfüllt. Es lohnt sich wenigstens mal darüber nachzudenken und herauszufinden, welche Optionen für einen selbst bestehen. Doch auch Arbeitgeber:innen sollten sich dem Downshifting nicht grundsätzlich verschließen. Mitarbeiter:innen mit diesem Wunsch, sollten sie offen und wertschätzend begegnen. Denn wer bewusst runterschalten kann, der wird motiviert neu durchstarten.

trulie.de

Dein Online-Magazin für die Liebe und das Leben. Frisch, authentisch, ehrlich und positiv.

Impressum | Datenschutz