Mentale Lasten fairer verteilen

Hausarbeit aufteilen

Obwohl viele Partnerschaften und Familien die Gleichberechtigung anstreben, gelingt die Umsetzung nicht immer wie erhofft. Der sogenannte „Mental Load“ ist das beste Beispiel dafür. Dieser Begriff beschreibt all die Planungsschritte und Koordinierungsprozesse, die im Alltag dafür sorgen, dass Aufgaben überhaupt erledigt werden. Und genau diese Denk- und Fürsorgearbeit tragen überwiegend immer noch Frauen. Die Last der Verantwortung, die damit einhergeht, bleibt zudem oft unsichtbar. Doch erst wenn auch mentale Lasten fairer verteilt werden, kann eine gleichberechtigte Aufteilung von Haus- und Familienarbeit wirklich stattfinden.

Warum betrifft Mental Load vor allem Frauen?

Wer bisher dachte, dass Frauen im 21. Jahrhundert auf dem besten Weg sind, ihre vollständige Gleichberechtigung zu erreichen, der hat sich gewaltig geirrt. Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie hat sich wieder einmal gezeigt, wie sehr unsere Gesellschaft immer noch in alten Geschlechter- und Rollenklischees gefangen ist. Als wäre der ganz normale Alltag nicht schon stressig genug, hat der Mental Load in der Corona-Zeit noch mal gewaltig zugelegt. Homeschooling, Homeoffice, Lockdowns, Quarantäne- und Hygiene-Vorschriften mussten beim Organisieren des Alltags permanent zusätzlich mitgedacht werden und führten zu einer gefühlt unendlichen To-do-Liste im Kopf.

Und diese unsichtbare Aufgabenliste arbeiten in der Regel immer noch überwiegend Frauen ab – selbst wenn diese erwerbstätig sind. Studien belegen, dass Frauen pro Tag im Durchschnitt 52,4 Prozent mehr Zeit für die Kinderbetreuung und Hausarbeit aufbringen als Männer. Keine Frage, dass viele Männer und Väter zunehmend Verantwortung übernehmen und sich in der Haus- und Familienarbeit mit einbringen. Manchmal passiert das auch in einem wirklich ansehnlichen Maß. Nichtsdestotrotz wirken Frauen oft so als wären sie die geborenen Ansprechpartnerinnen für alles, was die Familie und den Haushalt betrifft. Oder als diejenigen, die in diesen Bereichen die alleinige Entscheidungsvollmacht und Handlungskompetenz besäßen.

Da wundert es nicht, dass Fragen wie diese, häufig in den Köpfen von Frauen herumschwirren:

  • Sind alle Lebensmittel noch vorrätig?
  • Schaffe ich es rechtzeitig zum Elternabend?
  • Welches Geschenk soll Oma zum Geburtstag bekommen?
  • Muss bis morgen noch etwas gewaschen werden?
  • Ist die Rechnung schon bezahlt?
  • Was gibt es heute zum Abendbrot?

Manchmal ist diese ungerechte Aufgabenverteilung selbstgewählt. Frauen versuchen oft in der Karriere, als Mutter und als Partnerin immer 100 % Prozent zu geben und sehen sich dann als gescheitert an, wenn sie es nicht schaffen, diese 300 % Tag für Tag zu meistern und sich letztendlich in einem Burnout wiederfinden.

Manchmal werden Frauen aber auch in diese Rolle geschubst. In vielen Schulen ist es oft immer noch selbstverständlich, dass Mütter der erste Notfallkontakt sind und nicht die Väter. Und auch in der Arbeitswelt gibt es immer noch viele Chefs und Kollegen, die davon überzeugt sind, dass Frauen beispielsweise fürs Kaffeekochen einfach ein besseres Händchen haben, oder?

Dieses Plus an Verantwortung, das nicht unbedingt auffällt, aber durchaus stark belastet, ist für viele Betroffene – vielleicht ja auch für Dich – schwer zu tragen. Es ist keinesfalls so, dass Mädchen und Frauen aufgrund ihres Geschlechts oder genetischer Dispositionen besser planen können oder wollen. Deswegen ist es keine Selbstverständlichkeit, dass sie wissen, was für den anstehenden Geburtstag noch besorgt werden muss, ob genug Scheibenreiniger zum Fensterputzen da ist oder wann der nächste Zahnarzttermin der Kinder ist.

Viel eher handelt es sich um Faktoren, die sich bewusst üben lassen. Schließlich sind die Zeiten des „Mutter bleibt zu Hause und kümmert sich um Haushalt und Kinder, Vater ist auf der Arbeit“ inzwischen vorbei. Bleibt aber natürlich die Frage, wie sich dieses alte Muster zum Wohle aller Beteiligten aufbrechen und der Mental Load gerechter verteilen lässt.

Werden mentale Lasten fair verteilt, ist auch der Mann fürs Putzen zuständig.

Mentale Lasten aufdecken und neu verteilen

Es gibt mehrere Stellen, an denen Du mit Deinem Wunsch nach Verbesserung ansetzen kannst.

  • Transparenz schaffen: Wer nicht weiß, was eigentlich Sache ist und wohin der Hase läuft, denkt in der Regel weniger mit und bringt sich konsequenterweise auch weniger ein. Daraus ergibt sich, dass derjenige, der alles auf dem Schirm hat, immer mehr zu tun bekommt und irgendwann nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht – meistens die Frau in der Beziehung. Um dies zu umgehen, könntest Du also eine Liste schreiben, die das alles sichtbar macht. Egal, ob Logistik, Kindergarten, Schule, Hausarbeit, Hygiene, Verwaltung, Beziehungsarbeit … Im Anschluss redet ihr darüber, wie der ganze Haufen gemeinsam bewältigt wird.
  • Geteilte Arbeit ist halbe Arbeit: Ein Aspekt, der sich sicherlich von alleine erklärt. Oder vielleicht doch nicht, denn natürlich lassen sich manche Punkte nicht 1 zu 1 gegeneinander aufrechnen. Aber es lässt sich klären, wer was wie gut und wie schnell erledigen kann, sodass alle damit einverstanden sind und gemeinsam mehr Zeit haben. Ein wöchentlich aktualisierter Haushaltsplan oder etwas Vergleichbares sorgt dabei für Klarheit und verhindert, dass etwas Wesentliches durchrutscht. Wichtig dabei: Es gibt keine genetischen Gründe dafür, warum Frauen besser (Toiletten) putzen, bügeln oder sonst etwas können. Es liegt in der Regel eher am Willen und am Geschick durch Übung. Womit wir beim direkt damit verbundenen dritten Punkt angekommen sind.
  • Das Durchbrechen veralteter Denkstrukturen und das faire Teilen von Verantwortung: Wie bereits angesprochen – es existiert kein Naturgesetz, dass es Männern verbietet, sich an der Hausarbeit zu beteiligen. Im Umkehrschluss hat ein nicht perfekt gereinigter Fußboden auch nicht ausschließlich auf eine Frau zurückzufallen. Darum kann sich auch ein Mann kümmern, wobei natürlich das Bewusstsein dafür vorhanden sein muss …ebenso wie für den Fakt, dass sich auch klassische Vater- und Mutterrollen über Bord werfen lassen. Man muss es aber wirklich wollen und im Zweifelsfall wiederholen, dass Wickeln, Füttern, Ins-Bett-Bringen, Putzen, Kochen, Einkaufen und Co. einen Mann nicht seiner Maskulinität berauben oder die Feminität einer Frau steigern. Wie fair die Aufgaben aktuell bei Dir verteilt sind, kannst Du ganz einfach in diesem kleinen Selbsttest herausfinden: https://equalcareday.de/mental-load-home-de.pdf
  • Wertschätzung ist ein A und O: Es geht nichts über Anerkennung – sowohl in der Partner:innen- als auch in der Elternrolle. Also öffne Deine Augen und erkenne, was alles so erledigt wird, auch nebenher. Und dann heißt es loben, loben, loben. Du freust Dich doch schließlich auch darüber, wenn das, was Du leistest, belohnt wird. Welche ‚Belohnung‘ wofür passend ist, lässt sich ja individuell entscheiden …
  • Nobody’s perfect: Pannen passieren und das ist kein Drama. Ganz einfach. Wollte Dein:e Partner:in vor einer Stunde die Treppe putzen und es ist noch nicht passiert? Du brauchst sie nicht gleich zu putzen und dich über die Zusatzarbeit zu ärgern. Freundlich nachfragen, was Sache ist und wie es nachher noch so aussieht und gut ist. Du brauchst Dich nicht für alles verantwortlich zu fühlen, sofern es niemanden direkt schädigt. Aber klar, loslassen zu können ist auch eine Kunst, die es zu trainieren gilt.
  • Last but not least: Anerkennen, dass auch ein Financial Load eine mentale Belastung darstellt. Dieser Aspekt wird gerne unterschätzt – nicht zuletzt deshalb, weil an ihm meistens Männer leiden, die ihn nicht umfassend kommentieren. Er sollte genauso in die Überlegungen einbezogen werden. Ganz davon abgesehen, dass man(n) sich manchmal auch die Frage stellen muss, was für ein Leben in Zufriedenheit relevanter ist: Das reine Geld oder spielt nicht auch das innere Gleichgewicht eine wesentliche Rolle?

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